Jürgen Schlauch

Kein Konflikt: Altsysteme und Agilisierung

Der pragmatische Weg in die digitalisierte Zukunft: eine Schritt-für-Schritt-Modernisierung, die mittelfristig in ganzheitlich agiler IT mündet.

So flexibel auf veränderte Marktbedingungen reagieren wie ein Start-up – das wünschen sich viele etablierte Unternehmen. Zwischen Wunsch und Erfüllung jedoch steht oft die Legacy-IT, in Form von Midrange- oder Großrechnern und proprietären Applikationen, die eigens entwickelt worden sind, um spezifische Geschäftsprozesse im Kernbetrieb optimal abzubilden. Die Systeme laufen in der Regel stabil und bringen selbst bei hohem Transaktionsaufkommen zuverlässige Leistung. Ohne Notwürde sie niemand ausmustern und durch Cloud-Infrastruktur und Standardsoftware ersetzen. Denn was die einen „Altlasten“ nennen, ist für die meisten das Kernsystem ihrer Geschäftstätigkeit. Dafür nehmen sie hohe Betriebs- und Wartungsaufwendungen und die Gehälter spezialisierter IT-Mitarbeiter in Kauf. Dieser Kostenblock zur Erhaltung verschlingt inzwischen den größten Teil der IT-Budgets, bis zu 90 Prozent schätzen Analysten wie Gartner, Forrester oder A.T. Kearney. Für die neuen Aufgaben und Anforderungen bleibt also nur minimaler Spielraum.

Systematik statt Aktionismus

Heute soll die IT aber Innovationen schaffen, agil sein und die Wettbewerbsfähigkeit im digitalisierten Markt sichern. Diese Anforderungen können Großrechner und maßgeschneiderte Legacy-Applikationen häufig mangels Flexibilität kaum erfüllen. Die Bestands-IT ist zudem meist über lange Jahre hinweg immer wieder verändert worden, wobei die Änderungsdokumentation unzureichend ist und der Entwickler nicht mehr im Unternehmen. Herauszufinden, wie solche Applikationen „ticken“ und wie sie sich in geeigneter Form modernisieren lassen, ist also keine triviale Aufgabe. Wir setzen dazu die systematische Anwendungsanalyse von CGI ein und stellen immer wieder fest, dass schon einzelne gezielte Bereinigungen der vorhandenen Softwarepalette beträchtliche Gelder freisetzen können, die dann echter Innovation zugutekommen können. Bereinigung heißt übrigens nicht, dass Altes komplett entsorgt wird: Nach anonymen Tests werden die Altdaten vom Legacy-System getrennt abgelegt und stehen dann in einem Archiv für den Zugriff bereit. Schon diese Entlastung macht das Gesamtsystem transparenter, agiler und bereiter für eine allmähliche Überführung in die Cloud-basierte IT der digitalisierten Welt. Der Nutzen einer systematischen Anwendungsanalyse ist jedoch nicht auf dezidierte Modernisierungsprojekte beschränkt. Bei einem Fahrzeughersteller beispielsweise hatten Individualsoftware und die unzureichende IT-Koordination verschiedener Konzernbereiche erhebliche Kosten verursacht. Im konkreten Fall ging es um mangelhafte Heckscheibenwischer: Automarke A hatte den Mangel festgestellt, was zu Marke B aber nicht durchgedrungen war. Sie verbaute die fehlerhaften Scheibenwischer weiter, was den Konzern circa 25 Millionen Euro für die Rückrufaktion kostete. Heute sorgt ein Verfahren zur automatisierten Applikationsanalyse dafür, dass Probleme konzernweit, also automarken- und systemübergreifend erkannt und beseitigt werden können. Zudem verfügt der Kunde dank angewandter Softwareanalyse nun über eine durchgängige und aktuelle Dokumentation seiner kompletten in den Anwendungen abgebildeten Geschäftslogik.

Entschlacken und innovativ ergänzen

Cloud Computing gilt als die Grundlage der digitalen Transformation. Leider ist es selten einfach, Bestandssysteme aus der Großrechner- und Midrange-Welt mit den skalierbaren cloudbasierten Infrastrukturen, Anwendungen und Entwicklungsplattformen zu integrieren. Eine Migration zu umgehen und zusätzlich zur existierenden IT-Mannschaft agile Innovationsteams zu etablieren, die ohne „Altlasten“ arbeiten, ist in der Regel teuer und auch aus organisatorischer Sicht aufwendig. Aber all das bedeutet keineswegs, dass die Bestands-IT zu einem unüberwindbaren Hindernis auf dem Weg zur Digitalisierung und zu neuen Erlösmodellen wird. Die Erfahrung aus unseren vielfältigen Modernisierungsprojekten belegt ganz klar: Mit einer systematischen, schrittweisen Modernisierung der IT und entsprechendem organisatorischen Umbau ist es durchaus möglich, die Kernsysteme sinnvoll zu überarbeiten und zu integrieren und mit Innovationen durchzustarten. Bei einem Logistikdienstleister und CGI-Kunden beispielsweise führten Verbesserungen in der Systemwartung und eine Senkung der Komplexität einer einzigen Anwendung bereits zu Kosteneinsparungen von 20 Prozent. Die Verwaltung der Landeshauptstadt München profitiert von einer Konsolidierung und Standardisierung ihrer IT-Arbeitsplätze, von einer zentralen Anwendungsbereitstellung mit rollenbasierter Provisionierung und weiteren Modernisierungsmaßnahmen. Das Justizministerium in Portugal konnte seine IT-Betriebskosten durch eine Überführung seiner Applikationen in eine offene IT-Architektur beträchtlich senken: von jährlich knapp 1,5 Millionen auf 73.800 Euro.

Legacy ist keine Zwangshypothek

Wir sehen: Grundlage jedweder Modernisierung und Agilisierung ist eine analytische Bestandsaufnahme in allen Unternehmensbereichen und auf allen Ebenen. Im zweiten Schritt gilt es zu überprüfen, ob und wie sich betriebsnotwendige geschäftskritische Anwendungen und Architekturen stabil in neue Modelle überführen und sicher modernisieren lassen. Legacy-Plattformen und zugehörige Programmiersprachen können wir heute (zumindest teilweise) automatisiert migrieren, eine 1:1-Umwandlung ist möglich. Geeignete nächste Schritte schließlich positionieren eine solche Anwendung dann für eine weitergehende Agilisierung. Die Systematik der „CGI Transformation Roadmap für agile Unternehmen“ enthält verschiedene Elemente, die im Zusammenspiel zur Agilisierung und Umgestaltung des Unternehmens beitragen. Welche der verschiedenen Möglichkeiten und Verfahren zur Modernisierung der IT tauglich und aussichtsreich für ein Unternehmen sind, hängt immer von der individuellen Ausgangssituation ab. Fraglos eignet sich längst nicht jeder Prozess und jede Anwendung für einen Umbau im Sinne der digitalen Transformation. Aber mit umsichtiger System- und Prozessintegration, sorgsamer Einbeziehung von Cloud-Diensten und durchgängiger Governance sind die wesentlichen Grundsteine gelegt. Für höhere Agilität, besseren Kundenfokus und gesteigerte Innovationsfähigkeit bei gleichzeitiger Kostenoptimierung des Bestandsbetriebs.

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