„Die Bank wechseln? Ein neues Bank-Konto eröffnen? Oh, bitte nicht!“ Dieser Gedanke ist wohl vielen vertraut. Als moderner Mensch, der am Zahn der Zeit lebt, die Benutzerfreundlichkeit von Smartphones und die nahtlosen, schnellen Prozesse der dahinter liegenden Dienstleistungen genießt, hat man mittlerweile kein Verständnis mehr für papierbasierte Prozesse, die viel Zeit und lange Fußwege zu Briefkästen oder Filialen bedeuten. Doch genau das erleben wir teilweise noch immer im Finanzdienstleistungsbereich, genauer: bei den uns bekannten Banken. Dies kollidiert mit unseren gestiegenen Erwartungen: Wir wollen alles bequem und unkompliziert mit wenigen Klicks auf dem Touchscreen erledigen, per App alles unter Kontrolle haben und dabei keine bösen Überraschungen erleben. Wir setzen eine völlige Transparenz bei anfallenden Gebühren voraus – und vorzugsweise fallen erst gar keine Gebühren an.

Großbanken müssen umdenken

Die bisherige Strategie deutscher Großbanken war es, global zu wachsen und in allen möglichen Kundensegmenten und Dienstleistungen präsent zu sein. Dank der voranschreitenden Öffnung des Finanzmarktes sowie der mittlerweile kostengünstigen Technologie gedeihen jedoch gleichzeitig mehr und mehr FinTechs, die auf jeweils ein Gebiet spezialisiert sind.
 
Nun, FinTechs sind keine Gefahr für die Etablierten, solange sie noch klein sind und früh genug „weggekauft“ werden können – frei nach dem Motto „M&A is the new R&D“. Aber schon jetzt decken FinTechs alle Basic Services im Privatkundenbereich ab, die man als Otto-Normal-Verbraucher benötigt – und das auf kostengünstige, zeitgemäße und teils hippe Art und Weise, wodurch insbesondere Millennials angesprochen werden, also die Kunden von morgen. So stellt sich die Frage: Welche Chance haben demgegenüber traditionelle deutsche Großbanken? Welche Wettbewerbsvorteile haben sie gegenüber diesen modernen Start-ups?

Die eigene Größe richtig ausspielen

Der Trend ist klar: Er geht weg von passiven, intransparenten und isolierten Bank-Accounts hin zu intelligenten, proaktiven, transparenten und vernetzten persönlichen Finanzberatern, meistens in Form einer Smartphone-App. Genau hier können die etablierten Banken ihre Größe ausspielen.

  • Größe im Sinne von großer Kaufkraft: Top FinTechs und damit die zugrunde liegenden Ideen kaufen und zügig implementieren, ohne dabei den kreativen Geist des FinTechs zu ersticken.
  • Größe im Sinne einer lukrativen Plattform für andere Finanzdienstleister und FinTechs, um diese dort anzudocken und miteinander zu verbinden. Auf der Plattform sollte man selbst als Orchestrator agieren, indem man ein in sich stimmiges und attraktives Service-Angebot steuert.
  • Größe im Sinne einer großen Benutzerdatenbank: Es nutzen zwar schon viele Anwender FinTech-Banking-Apps, aber erstens oft noch nicht als ihren Haupt-Account, und zweitens sind die Zahlen insgesamt noch überschaubar. Großbanken können ihre riesige Menge an Bewegungs- und Umgebungsdaten für top Services im Bereich AI verwenden. So wird Big Data zum Hebel für intelligente, proaktive Angebote.
  • Größe allerdings nicht (mehr) im Sinne von durchgängigem Anbieten aller Dienste, auf allen Märkten, für alle Kundensegmente. 

Einfach wird das sicher nicht, und es sind ja auch bereits kostspielige Versuche gescheitert, die eigene Bank tiefgreifend zu digitalisieren.1 Es reicht leider nicht aus, nur digital zu erweitern, zum Beispiel mit Smartphone-Apps, die weiterhin auf die gleichen kostenintensiven und problematischen Altsysteme zugreifen. Es bedarf tiefgreifender, unternehmensweiter Anpassungen in Systemen, Prozessen und – am schwierigsten – in Bezug auf die Mentalität. Um die oben angesprochenen Größenvorteile auszunutzen, muss ein Paradigmenwandel erfolgen: weg vom Selbermachen und Kontrollierenwollen hin zum Öffnen, Vernetzen und Orchestrieren.

Noch ist Zeit zum Handeln

Es sieht nach einer Mammutaufgabe für Großbanken aus. Aber welche Alternativen gibt es? Es auf die lange Bank zu schieben? Gewiss nicht, denn es sind nicht nur heimische Start-ups wie Wirecard oder N26, die den Markt aufwirbeln. Die Gefahr lauert ebenso vonseiten erfolgreicher europäischer Jung-Banken wie Monzo oder Revolut – und wenn wir noch weiter gen Osten schauen, stehen revolutionäre Zahlsysteme wie Alipay oder WeChat Pay in den Startlöchern für die Internationalisierung.² Hier sprechen wir nicht mehr von kleinen FinTechs, sondern von bereits riesigen TechFins, also Technologie-Giganten, die in die Finanzbranche eingreifen und dabei nicht Halt vor Landesgrenzen machen. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis sie auch in Europa versuchen werden Fuß zu fassen.³

Ein Nichthandeln könnte bedeuten, dass man zur „Dumb Pipe“ würde, also zu einem reinen Infrastrukturanbieter im Hintergrund. So ist es schon vielen Hotels oder Fluglinien ergangen, die bereits streckenweise genau den direkten Kundenkontakt verloren haben, über den wertvolle Daten gesammelt und wiederum Cashflows generiert werden können. Statt also nicht zu handeln und damit Gefahr zu laufen aus dem Blickfeld der Kunden zu verschwinden, sollte man die Chance der Plattform-Orchestration nutzen. CHECK24 macht dies eindrucksvoll vor.
 
Es ist ein Rennen gegen die Zeit, das allerdings keineswegs hoffnungslos oder gar bereits verloren ist. Wenn man die Beteiligungsraten der Commerzbank in FinTech sieht oder Christian Sewing auf dem Bankengipfel zuhört, der als großes Ziel ausgibt, die Deutsche Bank erfolgreich in der Plattform-Ökonomie zu platzieren4, dann besteht durchaus Grund zur Zuversicht, dass die deutschen Großbanken weiterhin fester Bestandteil unseres modernen Alltags sein werden.

 
Quellen
1. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/kommentar-die-deutschen-banken-scheitern-an-der-zukunft-15626445.html (Online-Zugriff am 08.01.2019)
2. https://www.raconteur.net/finance/alipay-wechat-china-payments (Online-Zugriff am 08.01.2019)
3. https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/ant-financial-ploetzlich-in-der-ersten-liga-was-das-teuerste-fintech-der-welt-auszeichnet/22663308.html?ticket=ST-11417330-HU6aY7vlNcobiDHTUMpD-ap2 (Online-Zugriff am 08.01.2019)
4. https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/deutsche-bank-chef-christian-sewing-wir-muessen-angreifen-ohne-die-verteidigung-zu-vernachlaessigen/22970434.html?ticket=ST-6293378-qdxQEMOu71KaaxdOfhzf-ap2 (Online-Zugriff am 08.01.2019)

 

Über diesen Autor

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Georg Pfeffer

Business Analyst

Georg Pfeffer ist Business Analyst mit Expertise für Prozesse, Content-Management-Systeme und User Experience.

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