Bonn, 27. Juni 2016

Interview mit Dominik Neumann, aus: TREND REPORT Ausgabe Juni 2016

TREND REPORT: Warum ist die Digitalisierung entscheidend für die Zukunft eines Unternehmens?

Die digitale Transformation ist der sichtbare Vorbote für einen Paradigmenwechsel, der möglicherweise die Grundfeste unserer Wirtschaft auf den Prüfstein stellt: wie wir produzieren, arbeiten, mit unseren Kunden interagieren, aber auch unser Wertesystem und unsere Führungskultur. Die Informationstechnologie entpuppt sich als alles entscheidender Treiber für umwälzende Veränderungen, deren Geschwindigkeit nichtlinear zunimmt, was eine kontinuierliche Anpassung nur noch schwer möglich macht. Technologien und Trends verstärken sich untereinander und sorgen so für Potenzeffekte.

Ich möchte die Wichtigkeit an einem Beispiel aus der Fertigungsindustrie verdeutlichen. Da wir uns immer mehr von einem Angebots- zu einem Nachfragemarkt entwickeln, wird die kundenindividuelle Fertigung zum Standard. Kunden werden in Zukunft ihr Produkt über das Internet, mit geeigneten Apps oder mit Hilfe virtueller Realität konfigurieren und digital erleben (Omni-Channel). Diese Konfiguration wird direkt in eine vollautomatisierte Produktion eingespeist und löst über die ganze Lieferkette hinweg Beschaffungs- und Fertigungsprozesse aus. Der Kunde hat dann zu jeder Zeit Transparenz über den Produktionsprozess und kann bis zum letzten Moment Änderungen vornehmen (Industrie 4.0). Das gefertigte Produkt existiert dann einmal physisch und einmal digital. Nach Auslieferung an den Kunden wird sich das Produkt während der Nutzung über das Internet mit seinem digitalen Zwilling verbinden und sämtliche Nutzungsdaten bis zum Ende seines Lebenszyklus übermitteln (IoT). Aufbauend auf den Nutzungsdaten, wird es dann möglich sein, dem Kunden Mehrwertdienste zur Laufzeit oder als Upgrade in neuen noch nicht bekannten Geschäftsmodellen anzubieten (Big Data & Data Analytics).

In unserer jährlichen Kundenbefragung wurde sehr deutlich, dass alle unsere Kunden ihre digitale Transformation als ihren wichtigsten Evolutionsschritt ansehen, um sich neu zu erfinden und dabei alle Facetten von Omni-Channel, Industrie 4.0 über IoT und Data Analytics ganzheitlich betrachten.

TREND REPORT: Warum geht es nicht so schnell voran, wie es sollte?

Wir haben gelernt, der ungeheuren Komplexität unserer Welt mit Spezialisierung zu begegnen. Das schränkt den Blick auf das Ganze ein. Digitale Transformation fordert aber einen ganzheitlichen Ansatz, wie das obige Beispiel demonstriert. Gerade die IT wurde jedoch in den letzten Jahren hochgradig spezialisiert und zudem kosteneffizient aufgestellt. Kreative Freiräume, Flexibilität und Innovationskultur blieben dabei auf der Strecke. Das haben auch unsere Kunden erkannt und betonen jetzt den wachsenden Bedarf nach Innovation in der IT, um dem steigenden Wettbewerbsdruck etwas entgegenzuhalten.

Weitere Hürden bei der digitalen Transformation sind neben dem Silodenken sicherlich auch die damit verbundenen Kosten. Ein Unternehmen wie Uber hat auf dem Kapitalmarkt viel günstigere Voraussetzungen zur Kapitalbeschaffung, während die klassischen Unternehmen das Investitionskapital aus dem Bestandsgeschäft generieren müssen. Dazu kommen noch Unwissenheit über den Nutzen und die Anwendbarkeit neuer Technologien sowie die chronisch ungeklärten Verantwortlichkeiten: Ist nun der CIO, der CTO oder gar der CDO für die digitale Transformation verantwortlich?

TREND REPORT: Wie geht man am besten vor? Wie muss die IT organisiert werden?

Unsere strategische Empfehlung lautet, Produkte und Dienstleistungen konsequent vom Kunden her zu denken und dabei Technologie und insbesondere IT nicht als einschränkende Rahmenbedingung zu sehen, sondern als geschäftsentscheidend. Damit sollte auch die IT so aufgestellt werden, dass sie diesem Ziel gerecht werden kann.

Das Marktforschungsunternehmen Gartner schlägt hierzu vor, die IT bimodal aufzustellen. Eine IT, die organisatorisch in zwei Geschwindigkeiten agiert und damit Agilität und Flexibilität, aber auch Stabilität und Sicherheit gewährleisten soll, ist sicherlich ein erster Denkanstoß. Dieser müsste dann aber konsequent weitergedacht werden.

Meiner Meinung nach macht eine Zweiklassengesellschaft in der IT auf Dauer wenig Sinn. Sie sorgt für zusätzliche Spezialisierung und schafft damit künstlich mehr Komplexität, die uns davon abhält, die digitale Transformation als Ganzes zu betrachten.

"Die IT muss fähig sein, sehr schnell auf neue Anforderungen zu reagieren und das praktisch überall in der Wertschöpfungskette."

Wenn wir einmal den Blick des Kunden einnehmen, dann sehen wir, dass der digitale Wettbewerb Mehrwertdienste anbietet, die als digitales Produkt einen Ausschnitt der Wertschöpfungskette abbilden und hier zusätzlichen Nutzen generieren. Dieser hängt direkt von den Gewohnheiten des Kunden ab, welche sich in einem durch Technologie getriebenen Veränderungsprozess befinden. Die IT muss also fähig sein, sehr schnell auf neue Anforderungen zu reagieren und das praktisch überall in der Wertschöpfungskette. Und damit kann die ganze IT betroffen sein. Um das mit einem bimodalen Ansatz meistern zu können, müsste man die IT ständig neu schneiden.

Letztendlich darf es nur eine IT mit einer Geschwindigkeit geben, die agil und flexibel ist, alles andere schafft zusätzliche Komplexität und lenkt vom eigentlichen Problem ab: die Notwendigkeit einer kundenzentrierten IT, die sich an den stetig ändernden Anforderungen des Marktes immer wieder schnell anpasst. Und damit blieben nur zwei Alternativen übrig: Entweder die IT trennt sich von allen Legacy-Anwendungen oder schafft es, auch die Legacy-Anwendungen agil und flexibel zu gestalten.

Verkrustungen und Stolpersteine wie Kulturbrüche, mangelndes Changemanagement, in Wasserfallmodellen denkende Einkaufsorganisationen oder die latente Nichtbereitschaft Verantwortung abzugeben, müssen überwunden werden.

TREND REPORT: Der technologische Wandel ist teuer, wie kann man ihn am besten finanzieren?

CGI hat in einer Kundenumfrage unter 1.200 Kunden herausgefunden, dass über 80 Prozent der Unternehmen neue Wege suchen, um aus dem Kosten-Dilemma zwischen Stabilität des Betriebs und Investition in Innovation auszubrechen. Dafür hat CGI eine strategische Vorgehensweise entwickelt, die wir „Keep-Up, Step-Up“ nennen. Dabei helfen wir unseren Kunden, Potenziale aus dem „Run the Business“ zu heben und in das „Change the Business“ zu investieren.

Auf der einen Seite setzen wir konsequent auf IT-Modernisierung, Cloud-Lösungen und mittelstandskonforme Sourcing-Modelle, basierend auf Near- und Offshore und gepaart mit einer strategischen Untersuchung der IT entlang der Wertschöpfungskette. Damit können wir den Unternehmen helfen, sämtliche Legacy- Anwendungen entweder konsequent zu modernisieren oder Betrieb und die Weiterentwicklung mit Hilfe unserer eigens darauf abgestimmten Methodik ProAction und unter Zuhilfenahme von DevOps zu beschleunigen. In vielen Kundenprojekten konnten so Einsparpotenziale zwischen 20 und 40 Prozent erzielt werden. Auf der anderen Seite helfen wir unseren Kunden durch Innovationsteams mit Agilität, Flexibilität und kreativem Denken, getreu dem Motto: „Nicht abzuwarten, bis einen die Zukunft einholt!“

TREND REPORT: Welche Herausforderung haben heutzutage mittelständische Unternehmen, die ihren digitalen Reifegrad erhöhen wollen?

Auf der einen Seite leiden gerade mittelständische Unternehmen nicht an übermäßiger Bürokratisierung der IT. Sie haben also gegenüber den Konzernen einen Agilitätsvorteil. Auf der anderen Seite fehlen dem Mittelstand aber oft die digitale Vision, die notwendigen Finanz- und Kapazitätsreserven sowie meist auch das breite, aber auch das spezifische IT-Know-how, das heute für die Digitalisierung ganzheitlich notwendig ist. Eine weitere Herausforderung, der wir auch immer wieder begegnen ist die, dass zur Erschließung digitaler Geschäftsfelder die Verantwortlichkeiten vom klassischen Geschäft getrennt werden. Damit wird der Kunde klassisch und digital mit unterschiedlicher Verantwortlichkeit und unterschiedlicher Zielstellung angesprochen. Es wird also nicht konsequent vom Kunden her gedacht, es entstehen ein Kompetenzgerangel auf der Fachseite und in der IT ein Systemwildwuchs.

Zudem sollten auch mittelständische Unternehmen zusammen mit Kunden eine neue Art der Fehlerkultur entwickeln. Gerade bei der digitalen Transformation kann sich ein Kunde – so er damit einverstanden ist – als Betatester engagieren und ist damit direkt am Innovationsprozess beteiligt. Fehler machen bedeutet damit lernen, verbessern, neu erfinden und als Kunde eigene Ideen in den Produktentwicklungsprozess des Lieferanten mit einzubringen.

"Wir konzentrieren uns auf Nischen in der Wertschöpfungskette unserer Kunden."

TREND REPORT: Bringen Sie auch IT-Innovationen in die Unternehmen? Wie kreativ sind Sie dabei?

Natürlich bringt CGI auch IT-Innovationen in die Unternehmen. Allerdings steht bei uns immer ein konkreter Bedarf im Vordergrund. Wir betreiben keine Forschung um des Forschens Willen, sondern konzentrieren uns auf Nischen in der Wertschöpfungskette unserer Kunden. So haben wir zum Beispiel erkannt, dass viele Unternehmen erst im Forderungsmanagement mit ihren Kunden in Kontakt treten und haben hierzu ein innovatives Produkt entworfen (Collections360), das es unseren Kunden ermöglicht das Forderungsmanagement in einem prozessgesteuerten Omni-Channel Ansatz zu vollziehen.

Eine andere Innovation ist unsere Cloud Management-Lösung Unify360. Wir sind überzeugt davon, unseren Kunden bei der Verwaltung ihrer in der Cloud betriebenen Anwendungen helfen zu können. Cloud-Technologie ermöglicht nämlich jeder Fachabteilung – unabhängig von der IT – Anwendungen außerhalb des Unternehmens zu betreiben und das fast schon mit einem Klick. Damit wird einer neuen Intransparenz Tür und Tor geöffnet und Unternehmen sehen sich bald mit Mission-kritischen Anwendungen in der Cloud konfrontiert, die die IT gar nicht mehr kennt. Das betrifft dann Daten und Prozesse. So haben im letzten Jahrzehnt viele Unternehmen sehr viel Geld investiert, um die Flut von geschäftskritischen in Excel und Lotus Notes entwickelten Anwendungen wieder einzufangen und in Standards zu überführen. Und dasselbe wird uns nun mit in der Cloud betriebenen und nicht gemanagten Applikationen blühen.

TREND REPORT: Wer treibt eigentlich wen: die Technologie die Unternehmen oder die Unternehmen die Technologie?

Diese Fragestellung ist nicht wirklich neu und es gibt darauf auch keine einfache Antwort. Die Antwort ist sogar analog zur Frage, ob es zuerst das Ei gab oder zuerst die Henne da war.

Jedes Unternehmen befindet sich immer in einer Wettbewerbs- und Innovationsspirale. Kann ein Unternehmen einen zusätzlichen Kundennutzen identifizieren und erstellt dafür ein Produkt mit einer neuen, dafür geeigneten Technologie, entsteht daraus eine Innovation. Dann hat dieses Unternehmen eine Technologie getrieben. Der Wettbewerb wird dann versuchen, durch Kopieren, Nachbauen oder Adaption gleichzuziehen. Damit werden alle anderen Unternehmen zu Getriebenen durch die etablierte Technologie, solange bis die Produkte auf dem Markt wieder vergleichbar sind. Weil jetzt alle Produkte ähnlich sind, beginnt eine Phase, in der die Unternehmen versuchen, durch Effizienzsteigerungen Wettbewerbsvorteile zu erlangen. Und dieser Prozess dauert solange an, bis ein erstes Unternehmen die nächste Produktinnovation auf den Markt bringt.

TREND REPORT: In welchem Kontext stehen Innovationen mit der digitalen Transformation?

Innovationen waren immer schon neue Lösungen für ungelöste Probleme.

Die digitale Transformation steht für den Übergang von der analogen zur digitalen Welt. Dabei wollen wir durch den gezielten Einsatz von IT Innovationen schaffen. Das ist möglich, weil die Informationstechnologie eine ungeheure Reife erreicht hat. Jedes Problem, das gelöst ist, eröffnet wiederum viele neue Potenziale und damit auch Herausforderungen. Das war aber schon seit jeher so. Die Erfindung der Schrift hat irgendwann zur Erfindung des Buchdruckes geführt und heute haben wir Wikipedia.

Meiner Ansicht nach ist die digitale Transformation sowohl eine Antwort als auch eine Momentaufnahme in einer immer komplexeren Welt. Diese wirft immer mehr neue Fragen auf und fordert damit wiederum Innovationen ein – eine evolutionäre Spirale, die sich immer wieder neu entfaltet.

Quelle: trendreport.de

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